Der Kampf der Kulturen in der internationalen PolitikChristlich
geprägter Westen und Islam, Abendland und Morgenland, Okzident und Orient,
spätestens seit der Schlacht von Tours und Poitiers (732) streiten der „Westen“
und der „Islam“ über Religion, Toleranz, Gott und Allah. Frieden, Verständigung,
Intrige, Machtkampf und Krieg wechseln sich ab. Muslime erobern Palermo, Araber
besetzen Rom, Kreuzritter verwüsten Palästina, der Sultan erobert
Konstantinopel, christliche Herrscher besiegen Granada, Türken belagern Wien -
ein schier endloses Ringen um Einfluss und Macht. Bereits
vor dem 11. September 2001 hatte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington die Atmosphäre
zwischen Westen und Islam belastet: Der westliche Kulturkreis reibe sich mit
der islamischen Welt, der Westen sei vom Islam bedroht. Huntington’s „Clash of Civilizations“ war umstritten und hat viel
Kritik erfahren. Die Atmosphäre zwischen euro-atlantischer Welt und islamischen
Ländern war gespannt. Der zweite Golfkrieg hatte die Beziehungen verschlechtert,
der Bosnien- und Kosovo-Krieg den Hass zwischen Christen und Muslimen veranschaulicht. Edward Said, Amerikaner palästinensischer Herkunft und an der
Harvard University, widersprach Huntington:
Nicht der Westen sei bedroht, die islamische Welt werde durch das „amerikanische
Imperium” überrollt. Hollywood-Filme würden den Kampf von „Delta Forces“ gegen
arabisch-muslimische Desperados glorifizieren, die USA - „Gottes eigenes Land“
- sähen sich von Arabern und Muslimen verfolgt. Amerika sei Weltmacht mit
antimuslimischen Vorurteilen. Für Edward
Said spielt der Westen – besonders die USA und Großbritannien – den
aggressiveren Part. Die Vereinigten Staaten würden ihre militärische und
politische Macht rücksichtslos durchsetzen. Der Hass der arabischen Massen
richte sich gegen die USA, „den Westen“, die „Globalisierung“ und die Bedrohung
eigener Traditionen und Werte. Die „Verwestlichung“ der arabischen Gesellschaften
bleibe nur oberflächlich: Arabische Jugendliche trügen Jeans und Baseballkappen
und hörten Popmusik; die gleichen Jungen verbrennen aber die US-Fahnen und
skandieren „Tod für Amerika!“. ![]() Der in Damaskus geborene Basam Tibi,
Professor an der Göttinger Universität,
betont sei Jahren den Unterschied zwischen dem Islam als Religion und dem
islamischen Fundamentalismus (Islamismus) als Ideologie: Vor dem 11.Sept. 2001
waren die Debatten um Huntington, Said
oder Tibi „akademisch“, danach aber
waren Terrorismus, Islamismus, Fundamentalismus und Islam und die Auseinandersetzung
mit den Thesen Huntingtons Themen der Stunde. Grund genug, sich in einem
Denkanstoß mit Huntingtons „Kampf der Kulturen“ kritisch auseinanderzusetzen. Der
Islam und der Westen nach dem 11. September 2001
Der 11. September 2001 ist eine Zäsur, eine
Zeitenwende im öffentlichen Bewusstsein. Nicht allein wegen der über 3.000
Toten in New York, Washington und Pennsylvania. Die Terroranschläge richteten
sich bewusst und gezielt gegen Symbole der westlichen Welt. Sie richteten sich
gegen das Sinnbild des amerikanischen Traumes, die grenzenlosen Möglichkeiten
des Kapitalismus, verkörpert durch das World
Trade Center. Und sie richteten sich gegen die damit einhergehende
politische und militärische Macht der Vereinigten Staaten, ihrer Schaltstelle
im Pentagon. Also doch ein „Kampf der Kulturen“, der
hinter den Ereignissen, auch den Attentaten in Djerba, Bali und Moskau steht? Als Erklärung für die Hintergründe der
Terroranschläge tauchen in der öffentlichen Debatte hauptsächlich drei Deutungen auf: Die erste
geht davon aus, dass die Terroranschläge in Amerika ein Angriff auf das
westliche Wertesystem seien. Der Westen befinde sich im Krieg mit dem radikalen
Islam, der seinerseits zum „Heiligen Krieg“, zum Dschihad, gegen die Ungläubigen aufgerufen hat. Nicht die
Amerikaner müssen die Frage beantworten, ob ihre Politik in der
arabisch-islamischen Welt möglicherweise den Nährboden geschaffen hat für
extremistische Gewalt, vielmehr müssen die Muslime erklären, warum sie die
Terroristen finanzieren, ihnen Zuflucht gewähren und sie lauthals als
Freiheitskämpfer bejubeln. Die Anhänger dieser Strömung berufen sich gerne auf
Samuel P. Huntington’s
berühmt-berüchtigte Prognose eines „Clash of Civilizations“, die als weltweiter
Bestseller mit dem Titel „Kampf der Kulturen“ 1996 auch auf deutsch erschien
und inzwischen in 32 Sprachen übersetzt wurde.[1]
Der „Kampf der Kulturen“ verfolgt ein höchst ehrgeiziges Projekt: Er versucht
zu erklären, wie die Welt heute und morgen „im
Innersten beschaffen“ sei, was die großen Kollektive der Menschen zum
Handeln, ja sogar zum Denken zwinge. Und das sei, so Huntington, die Entwicklung und Abgrenzung der größten
existierenden menschlichen Kollektive auf der Erde: der Kulturen, die durch
historische Nähe, gemeinsame Wertesysteme, Lebensweisen, Weltbilder und
entsprechende gesellschaftliche und politische Denkweisen bestimmt seien.
Interessanterweise gruppiert er seine Weltkulturen um Religionen und weist
diesen in implizierter Anlehnung an Max
Weber eine entscheidende Rolle zu. Daher argumentiert der amerikanische
Politologe, die Konflikte im 21. Jahrhundert würden zwischen den Staaten und
Gruppen der großen Kulturen ausgetragen und könnten in Weltkriegen neuer
Dimension münden. Das 20. Jahrhundert sei das Zeitalter des Säkularismus und
der Ideologien gewesen, während das 21. Jahrhundert eine Ära der Religionen werde.
In der Vergangenheit haben Religionen oft Hass, Feindschaft, Gewalt und Kriege
angeregt und legitimiert. In unseren Tagen treten sie wieder als Akteure in der
Weltpolitik in Erscheinung, stellen sich aber in vielen Fällen auf die Seite
von Verständigung, Versöhnung, Zusammenarbeit und Frieden. Insofern könne das
21. Jahrhundert ein besseres Säkulum werden als das vorherige. Huntington liefert das theoretische
Fundament für eine Denkschule, die seit den frühen neunziger Jahren vor allem
in den USA das policy making
wesentlich beeinflusst. Es ist eine gefällige und bequeme Theorie, weil sie
Machtfragen sowie politische, soziale und gesellschaftliche Gegensätze in den
Bereich der Kultur verlagert und somit zu einer Schicksalsfrage stilisiert, ein
naturgegebenes Ringen dunkler Kräfte, das sich jeder Analyse weitgehend
entzieht – und somit auch der Möglichkeit, vermittelnd einzugreifen. Die zweite Strömung,
die in der öffentlichen Debatte den Ton angibt, ist gewissermaßen die
Stammtisch-Variante der gerade erläuterten. Ihr prominentester Vertreter ist
der italienische Ministerpräsident Silvio
Berlusconi, der nach den Terror-Anschlägen im September 2001 erklärte: „Wir
müssen uns der Überlegenheit unserer Kultur bewusst sein – die aus Prinzipien
und Werten besteht, die zu einem beträchtlichen Wohlstand für die Gesellschaft
geführt haben. Bei uns gibt es Respekt für die Menschenrechte, die religiösen
und politischen Rechte, den es sicher nicht in islamischen Ländern gibt. Bei
uns gibt es Verständnis für die Verschiedenheit und Toleranz. Die Fähigkeit der
Integration, der Toleranz, der Solidarität macht unsere Kultur zu etwas, worauf
wir stolz sein können. Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm
gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu
erobern, aber ein anderer Teil davon ist um rund 1400 Jahre zurückgeblieben.
Die Freiheit des Einzelnen ist sicher nicht Allgemeingut der islamischen Welt.
Diese Zivilisationen sind zu Taten fähig, die mich erschaudern lassen. Man muss
nur sehen, wie die Frauen behandelt werden. Daher kann man die beiden
Zivilisationen nicht auf dieselbe Stufe stellen.“ Man darf die Gefährlichkeit solcher Äußerungen nicht
unterschätzen. Es trennt sie nur noch ein kleiner Schritt vom Generalverdacht gegen alles Islamische:
Jeder Muslim ist minderwertig und ein potentieller Terrorist, auch der
türkische Gemüsehändler um die Ecke. Globaleinschätzungen „des Islam“ als fundamentalistische
Bedrohung sind gefährlich, weil sie den Zielen der Islamisten (= islamischen
Fundamentalisten) entgegenkommen. Sie akzeptieren nämlich mehr oder weniger
stillschweigend die Behauptung der islamistischen Ideologen, nach welcher sie
und ihre Anhänger „den Islam schlechthin“ vertreten und sie nehmen auch
insofern die Ideologie der Islamisten an, als sie unterstellen, zwischen diesem
Islam und dem Westen bestünde eine Art Erbfeindschaft und eine Unvereinbarkeit,
die beide unvermeidlich zu Todfeinden abstempeln. Solches trifft jedoch nicht
zu. Die Islamisten sind nur eine kleine Gruppe innerhalb des Islam. Die dritte
Strömung versucht bereits seit Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu
bringen, dass Islam nicht gleich Islam ist. Ein Muslim in Europa muss sich mit
anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im
Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten. „Der Islam ist “, so die Berliner Islamwissenschaftlerin
Gudrun Krämer, „überspitzt ausgedrückt, weitgehend
das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als
islamisch definieren und praktizieren“.[2] Dass kein unbedingt trennender Graben zwischen
westlicher Welt und islamischen Ländern besteht, zeigt sich darin, dass der
Terrorangriff auf New York und Washington die arabische und islamische Welt
genauso schockierte wie andere Kulturkreise. Nicht nur einfache Gläubige und
Vertreter des Staatsislam, sondern auch führende Vertreter des islamistischen
Mainstreams, darunter auch solche, die in der Auseinandersetzung mit Israel keineswegs
für Gewaltlosigkeit plädieren, machten eindeutig klar, dass ein solcher Akt mit
den Lehren und Werten des Islam unvereinbar sein: Diese „Morde, Zerstörungen und Angriffe“,
heißt es in einer Erklärung prominenter islamistischer Führer vom 14. September
2001, „widersprechen allen menschlichen und islamischen Werten“.[3] Zudem nehmen wir im Westen kaum wahr,
wie vor allem Vertreter der Zivilgesellschaft oftmals unter Lebensgefahr
Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihrer Heimat einfordern, weil
dieser Kampf ohne Fernsehbilder ausgetragen wird und den gängigen Klischees
nicht entspricht. Lieber zeigen die Medien jubelnde Palästinenser nach den
Anschlägen in Amerika und dies, obwohl nur ein gutes Dutzend Menschen zu sehen
waren, überwiegend Kinder. Davon, dass es in zahlreichen palästinensischen
Schulen Schweigeminuten für die Opfer des Terrors gab, war allerdings kaum
etwas zu erfahren. Die Art und Weise, wie der Westen mit der
arabisch-islamischen Welt umgegangen ist, wird dort als eine endlose Serie von
Demütigungen und Niederlagen empfunden. Angefangen mit der Invasion Napoleons
in Ägypten 1798, dem Beginn der Neuzeit im Orient. Weiter mit der
Kolonialisierung Nordafrikas, der Niederschlagung der ägyptischen
Reformbewegung im 19. Jahrhundert. Dann die Errichtung britischer und
französischer Protektorate im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg, obwohl den
Arabern als Belohnung für ihren Kampf gegen das osmanische Reich die
Unabhängigkeit versprochen worden war. Schließlich die Gründung Israels (Kleiner Satan) im Jahr 1948, die auf
arabischer Seite als eine Fortführung des Kolonialismus mit anderen Mitteln
gesehen wurde. Die israelische Besatzungspolitik nach 1967, der zweite
Golfkrieg 1990/91, diese und andere nahöstliche Umbrüche erwecken seit Jahrzehnten
den Eindruck, der Westen mit seiner kulturell-zivilisatorischen Hegemonie,
seiner militärisch-technischen Überlegenheit, seinem aggressiven
Expansionsdrang und den soziokulturellen Herausforderungen und insbesondere die
USA (Großer Satan) mit dem „american way of life“ seien Feinde
aller Araber und Muslime. Hat diese Politik das Selbstwertgefühl und die
Selbstachtung anderer Kulturen – vor allem die des Islam – so tief verletzt und
gedemütigt, dass nun die Ereignisse in ihrer Gewalttätigkeit auch unter dem
Aspekt kultureller Selbstverteidigung gesehen werden müssen? Hat also der 11.
September die Alternative geprägt: Zwang zur Verwestlichung oder antiwestlicher
Zwang zum gewaltsamen Aufbegehren? Anders formuliert: Sind die Amerikaner also
selber schuld, dass sie Opfer eines mörderischen Angriffs wurden? Die Anhänger des Kulturkampfes stellen diese
Fragen, selbstgerecht und zugespitzt: Bist du für uns oder gegen uns? Diese
Dichotomie von Gut und Böse, von Terrorist oder Anti-Terrorist ist seit den
Terroranschlägen in den USA deutlicher denn je zutage getreten. Die indische
Schriftstellerin Arundhati Roy sieht
die entscheidende Trennlinie allerdings innerhalb der westlichen und
islamischen Welt: Sowohl das westliche als auch das islamische Denken könnten
in einem friedliebenden Sinne verstanden und gelebt werden. George W. Bush und Osama bin Ladin verkörpern hingegen die kriegerische Ausdeutung des
jeweiligen Denkens und stellen damit beide in gleicher Weise eine Gefahr für
den Weltfrieden dar. Die Grundlage dieser Gemeinsamkeit bildet nach Roy das manichäische Weltbild von Bush und Bin Ladin, das sich in besonderer Weise in ihrem gemeinsamen
Grundsatz „Wer nicht für mich ist, ist
gegen mich“ zeigt. Mit anderen Worten: Osama
bin Ladin ist der „brutale Zwilling“ des amerikanischen
Präsidenten George W. Bush – beide sind in politische Verbrechen
verstrickt, berufen sich auf Gott und greifen auf die Erlösungsrhetorik von Gut
und Böse zurück.[4] Zusammenprall der Zivilisationen?
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989 sollte
die globale Marktwirtschaft Wohlstand und Demokratie bis in die letzten Winkel
der Erde bringen. Gestritten wurde damals eigentlich nur darüber, ob der
globale Markt sich selbst reguliert oder ob er von globalen demokratischen
Institutionen gezähmt werden muss – unbestritten blieb aber, dass als Grundlage
der Globalisierung ausschließlich das individualistische Werteverständnis in
Frage kommt. Diese Grundlage schien so selbstverständlich zu sein, dass sie
auch durch Samuel P. Huntingtons Warnung vor einem drohenden
„Kampf der Kulturen“ nicht ernsthaft erschüttert werden konnte. Allerdings wird seit den 90er Jahren von
Bedrohungen gesprochen, die bewusst oder unbewusst mit dem Islam in Verbindung
gebracht werden. Der frühere Oberbefehlshaber der NATO, John Galvin, wies bereits 1991 vor der Carnegie-Friedensstiftung auf die seiner Meinung nach aus dem Süden
drohende Gefahr hin: „In dem jetzt zu
Ende gehenden Jahrtausend war die längste Konfrontation zwischen dem Westen und
dem Islam. Sie zog sich mehr als eintausend Jahre hin, über die Kreuzzüge des
Mittelalters bis hinein in die Neuzeit“. Er sagte weiter, dass nach dem vom
Westen gewonnenen Kalten Krieg nun die eigentliche Konfliktachse – die große
Auseinandersetzung mit dem Islam - zurückkehrt. Der verstorbene Generalsekretär
der NATO, Manfred Wörner, schrieb
Anfang 1991 über den „Spannungsbogen vom
Maghreb bis zum Nahen Osten. Die ohnehin dort herrschenden Spannungen werden
nicht nur durch die Existenz absolutistischer und ehrgeiziger Herrscher wie
Saddam Hussein, sondern auch durch das erneute Auftauchen tief verwurzelter
Entwicklungsprobleme verschärft, die zu einem noch größeren
Bevölkerungswachstum, zu Ressourcenkonflikten, religiösem Fundamentalismus und
Terrorismus führen“. Während Manfred
Wörner den religiösen Fundamentalismus mit tief verwurzelten Entwicklungsproblemen
in der islamischen Welt in Verbindung brachte, warnte sein Nachfolger im Amt,
der Belgier Wilhelm Claes, 1992
bereits vor dem Islamischen Fundamentalismus,
der die abendländische Kultur gefährde, mit Demokratie unvereinbar und für den
Westen mindestens genauso gefährlich sei, wie es der Kommunismus gewesen wäre. Der Politikberater Samuel P. Huntington
Der bei weitem nicht konfliktfreie Verlauf der
letzten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts, scheint dem Harvard-Politologen Samuel P. Huntington Recht zu geben.
„Nine-eleven“ scheint die perfekte Illustration der Huntington’schen These. Samuel P.
Huntington, Jahrgang 1927, ist
Professor für Politikwissenschaften und Leiter des John M.-Olin-Institutes für Strategische Studien an der Universität Harvard. Darüber hinaus
arbeitet der Mitbegründer der Zeitschrift „Foreign
Affairs“ als Berater des US-Außenministeriums und veröffentlichte eine
Vielzahl von wissenschaftlichen Büchern aus unterschiedlichen Bereichen der
Politikwissenschaft. Erst das 1996 veröffentlichte Buch „Kampf der Kulturen“ machte Huntington
einem großen Publikum bekannt. Dabei gilt er schon seit den fünfziger Jahren
als einer der bedeutendsten Vordenker in der Politikwissenschaft. Zu seinen
wichtigsten Forschungsgebieten zählten stets Fragen der internationalen
Sicherheitspolitik im Atomzeitalter sowie die Wechselbeziehungen zwischen
gesellschaftlichen Strukturen und dem außenpolitischen Verhalten von Staaten. Huntington machte eine
Bilderbuchkarriere: 1950, mit 23 Jahren, Dozent an der Harvard University, 1962
Professor für Internationale Beziehungen am „Center
for International Affairs“, seit 1983 schließlich Direktor des renommierten
John M.-Olin Institute for Strategic
Studies in Harvard. Im Rahmen eines dort stattfindenden Projekts mit dem
Titel „Die veränderte Sicherheitsumwelt
und die nationalen Interessen Amerikas“, in der Huntington die militärpolitischen
Überlegungen der Nato aufnahm, entstand jenes „Paper“, das in Auszügen in der New York Times vom 6. Juni 1993
abgedruckt wurde und schließlich als Artikel unter der Überschrift „The Clash of Civilizations?“ in der
Sommerausgabe von Foreign Affairs und
im August 1993 gekürzt auch in deutscher Übersetzung erschien. Huntington brachte mit seinem Artikel „Clash of Civilizations?“ einen Stein ins Rollen. Obwohl mit einem
Fragezeichen versehen, löste dieser Aufsatz eine bis dahin kaum vorstellbare
politikwissenschaftliche – wenn nicht gar gesamtgesellschaftliche – Debatte
aus. Auf Grund der starken Resonanz, die sein Aufsatz erzielte, veröffentlichte
Huntington 1996 das Buch „Clash of Civilizations and the Remaking of
World Order“ – nun allerdings ohne Fragezeichen. Die
Thesen Huntingtons im „Kampf der Kulturen“
Huntingtons Buch „Clash of Civilization“ ist nach seiner
Aussage das Ergebnis des Versuches, „auf
die Frage des Artikels eine umfassendere, tiefere und gründlicher dokumentierte
Antwort zu geben.“ Er hat die im Artikel angesprochenen Themen entfaltet,
vertieft und teilweise ergänzt, aber auch viele Problemkreise neu aufgenommen.
Das Buch ist kein sozialwissenschaftliches oder religionsphilo-sophisches
Werk. Es versteht sich vielmehr als eine Inter-pretation der Entwicklung der
globalen Politik nach dem Kalten Krieg. Es will ein Gerüst, ein Paradigma für
die Be-trachtung globaler Politik liefern, das für Wissenschaftler gehaltvoll
und für die Macher der Politik nützlich ist. Huntington ist sich im Klaren darüber, dass dieses
Paradigma stark vereinfacht ist und viele Dinge verzerrt oder im Dunkeln lässt.
Doch will er damit allgemeine Aussagen über die Weltpolitik treffen und somit
zeigen, welche Wege eingeschlagen werden müssen. Grundaussage dieses neu geschaffenen
Paradigmas ist, dass die „Unterscheidungen
zwischen den Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder öko-nomischer
Art (sind). Sie sind kultureller Art.“ Seine zentrale
These lautet: „Die
großen Trennungslinien der Menschheit und die vorherrschende Quelle von
Konflikt werden kultureller Art sein. Nationalstaaten werden weltpolitisch die
mächtigsten Akteure bleiben, aber die Hauptkonflikte der Weltpolitik werden
zwischen Nationen und Gruppen verschiedener Zivilisationen entstehen. Der
Zusammenprall der Zivilisationen wird die Weltpolitik dominieren. Die
Bruchstellen zwischen Zivilisationen werden die Frontlinien der Zukunft sein“. Für Huntington
verlaufen die Grenzen innerhalb der neuen Welt also nicht entlang von Staaten
oder Bündnissen, sondern von Kulturkreisen. Wichtigstes Identifikationsmerkmal
der Menschen mit einem Kulturkreis ist neben Herkunft, Sprache, Geschichte,
Werten, Sitten, Gebräuchen und Institutionen vor allem die Religion. Letztlich
definieren sich seiner Ansicht nach die Menschen über ihren Glauben, die
wichtigste Identifikationsquelle der Menschen und stärkste Motivationskraft
für Konflikte. Nach Huntington ist „Religion kein ‚kleiner Unterschied’(...),
sondern vielmehr der wahrscheinlich tiefgreifendste Unterschied, den es
zwischen Menschen geben kann.“ In diesem Lichte benennt er in seinem Buch zunächst
sieben Kulturkreise, führt später
noch einen achten ein. Diese Kulturkreise sind aber keine politischen
Einheiten. Politisches Handeln innerhalb eines Kulturkreises übernehmen die so
genannten Kernstaaten, die als Pole der Anziehung und Abstoßung die
Supermächte des Kalten Krieges ablösen. So unterscheidet
er: ·
die sinische
Kultur Chinas und seiner ost- und südostasiatischen Peripherie mit dem Kernstaat
China, ·
die japanische
Kultur, die nur aus einem einzigem Staat, Japan, besteht, der zugleich auch
Kernstaat ist, ·
die
hinduistische Kultur geht über den Kernstaat Indien hinaus, ·
die islamische
Kultur, die Huntington in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel und in
Teilen Zentral- und Südostasiens sowie des indischen Subkontinents lokalisiert;
(dieser Kulturkreis bleibt ohne zentrale Macht. Als mögliche Führungskräfte
werden Indonesien, Ägypten, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien und die Türkei genannt), ·
die westlich-christliche
Kultur Europas mit den Kernstaaten Frankreich-Deutschland, Nordamerikas mit
dem Kernstaat USA und Ozeaniens, ·
die
lateinamerikanische Kultur, wobei er sich nicht ganz sicher ist, ob
Lateinamerika einen eigenen Kulturkreis bildet oder bereits einen Teil des
Westens darstellt. Auch ihm fehlt ein echter Kernstaat, ·
eventuell die
afrikanische Kultur. Huntington lässt die Frage offen, ob es sich hierbei um
einen eigenständigen Kulturkreis handelt. Mögliche Kernstaaten könnten Nigeria
oder Südafrika werden, ·
die
slawisch-orthodoxe Kultur, die er in der ersten Aufzählung noch nicht nennt,
mit dem Kernstaat Russland. Gemäß Huntington wird die künftige Weltpolitik im
Wesentlichen geprägt sein von zwei Entwicklungen,
nämlich der schwindenden Macht des Westens und dem (Wieder-)Erstarken anderer
Kulturkreise, vor allem des Islam und Asiens. Der westliche Kulturkreis war der
dominierende in der Vergangenheit und wird es auch im 21. Jahrhundert bleiben.
Die westliche Kultur hat sich durch den technischen Fortschritt, ihre
wirtschaftliche Entwicklung und durch die Überlegenheit ihrer Staaten und ihrer
militärischen Mittel weltweit eine Vorrangstellung erkämpft. Allerdings wird
ein langsamer Machtverfall des Westens nicht auf- zuhalten sein. Die anderen
holen auf und werden den Westen bald überholen. Asien wird Europa übertrumpfen,
China im 21. Jahrhundert zur größten Wirtschaftsmacht der Welt werden. Huntington versucht, dies mit Fakten aus
den Bereichen Population und Territorium, Wirtschaftsproduktion und militärisches
Potential zu belegen. Das Kernproblem des „kulturellen Selbstmords“ sieht er
aber in dem moralischen Verfall innerhalb der westlichen Gesellschaft. Dies
zeigt sich seiner Ansicht nach u. a. in der Zunahme asozialen Verhaltens, in
dem Verfall der Familie, in dem Rückgang des Sozialkapitals, in dem generellen
Nachlassen der Arbeitsethik und in dem abnehmenden Interesse für Bildung und
geistiger Betätigung. In der Zeit der imperialen Überlegenheit des
Westens haben sich in der übrigen Welt Ressentiments aufgestaut. Diese kommen
bereits jetzt in Gestalt von Fundamentalismus und heftiger Kritik an der
westlichen Werteordnung zum Ausdruck. Die Gegenoffensive gegen die westliche
Kultur wird zunehmen, je mehr sich das Kräfteverhältnis zugunsten der anderen
verschiebt. Der anti-westliche Impuls wird beträchtlich gestärkt durch die demographische
Entwicklung. Überall wächst die Bevölkerung stärker als bei uns im Westen. In
Afrika und in der islamischen Welt werden Bevölkerungszuwachsraten von 3
Prozent und mehr erreicht. Dort ist die Mehrheit der Menschen unter 20 Jahre
alt. Die Entwicklungsdefizite bieten diesen entwurzelten Jugendlichen keine
Perspektive, sie sind frustriert und auf der Suche nach jemandem, an dem sie
ihre Frustration austoben können. Die Propagierung anti-westlicher kultureller
Identität hilft ihnen, ihren Platz im Leben zu finden. Die junge Generation
ist eher kampf- und gewaltbereit als gesetzte Familienväter und -mütter, sie
bietet ein ideales Rekrutierungsfeld für die Kulturfundamentalisten. Es
besteht daher ein hohes Mobilisierungspotential für eine anti-westliche
Politik. Dabei ist Modernisierung nicht gleichzusetzen mit Verwestlichung; ganz
im Gegenteil, Modernisierung ruft bei nicht-westlichen Staaten vermehrt die
Betonung eigener kultureller Werte hervor, was sich besonders im
Wiedererstarken der Religionen in der Welt spiegelt. Huntington hält den Glauben an die Universalität des Wes-tens
für falsch, unmoralisch und gefährlich: Falsch weil irrig; unmoralisch, weil
nur mit Zwangsmitteln durchzusetzen; gefährlich, weil er in einen großen Krieg
mit den mächtigen Staaten anderer Kulturen und am Ende in die Niederlage des
Westens münden könnte. Für ihn ist die westliche Kultur nicht wertvoll, weil
sie universell ist, sondern weil sie einzigartig ist. Man sollte allerdings
nicht vergessen, dass „die westliche Zivilisation“ – womit Huntington vermutlich die besondere protestantisch-deistisch-katholisch-jüdische
Mi-schung meint, die den Mutterboden des heutigen öffentlichen Lebens in den
Vereinigten Staaten bildet – gleichfalls Religionen hervorgebracht hat, die in
ihrer politischen Kon-sequenz nicht weniger intolerant und blutrünstig waren
als der islamische Terrorismus von heute. Vor dem 11. September beklagten Kritiker des Talibanregimes
dessen Frauenfeindlichkeit, Ikonoklasmus[5]
und blutiges Strafrecht in Form der Scharia.
Es mag nicht besonders taktvoll sein, dies gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt
auszusprechen, doch die amerikanischen Gründerväter waren selbst das Produkt eines
militanten Puritanismus, der in England in den Jahren nach 1640 einen brutalen
Revolutionskrieg führte. Auch das Westeuropa des 17. Jahrhunderts – die Wiege
der von Huntington gepriesenen
westlichen Zivilisation – war eine Brutstätte von Hexenverbrennungen und
Altarschändungen und der öffentlichen Ausweidung von Menschen. Zu den größten Herausfordererungen des Westens
werden nach Huntington der islamische
und der sinische Kulturkreis avancieren. Der Islam wird durch das
Bevölkerungswachstum und Wiedererstarken eigener Werte und Institutionen, vor
allem der Religion, zur Gefahr für den Westen. Huntington spricht dabei von
der „Islamischen Resurgenz“ (gemeint ist die Renaissance des Islam als
politische Kraft), wobei er die Bedrohung nicht etwa in dem islamistischen
Fundamentalismus, sondern in dem Islam an sich sieht. Er geht von einem
erneuten Konflikt zwischen „dem Islam“ und „dem Westen“ aus, dessen Ursachen in
grundlegenden Fragen der Macht und der Kultur zu suchen sind. Seiner Auffassung
nach sind Islam und Demokratie unvereinbar, weil Muslime eine Trennung von
Religion und Politik nicht akzeptieren könnten. Außerdem seien Muslime nicht in
der Lage, anderen Religionen Toleranz entgegenzubringen; die Grundlagen des
islamischen Glaubens verlangten von seinen Angehörigen, Andersgläubige
notfalls mit Gewalt unter die Herrschaft des Islam zu zwingen. Wie aber gestaltet sich die neue Weltordnung nach Huntington? Die Beziehungen zwischen
den Kulturkreisen werden nicht kooperativ, sondern häufig sogar feindselig
sein. In der Tat scheint es immer dann zwischen Kulturkreisen zu Missstimungen
zu kommen, wenn sich eine Kultur als superior empfindet und sich praktisch
durch bestehende politische und wirtschaftliche Macht auch so verhält. Hierfür
lassen sich aus der langen Geschichte der monotheistischen Religionen
Christentum, Judentum und Islam jeweils zahlreiche Beispiele finden. Interessant
an der Diskussion ist, dass das Gemeinsame im islamischen, christlichen und jüdischen
Glauben, das das Trennende überwiegt, kaum einmal herausgestellt wird: Dabei
ist eine wichtige Gemeinsamkeit, die zugleich das größte Trennende ist, der
Absolutheitsanspruch, mit dem die drei Religionen ihre Lehren vertreten. Die Hauptkonflikte ergeben sich nach Huntingtons Ansicht aus dem Zusammenstoß
von „westlicher Arroganz, islamischer
Unduldsamkeit und sinischem Auftrumpfen
“, wobei er sogar eine islamisch-konfuzianische Allianz gegen den Westen
weissagt. Seine Weltordnung ist am Ende geprägt von einer bipolaren Achse „Westen gegen den Rest“. Beim Zusammenprall
der Kulturen unterscheidet Huntington
vor allem zwei Ebenen von Konflikten. Zum einen nennt er auf der Mikroebene den
Bruchlinienkonflikt, bei dem Gruppen
jeglicher Art aus verschiedenen Kulturkreisen aneinander geraten. Diese Kriege
haben meist einen ethnischen oder religiösen Hintergrund und sind deshalb
besonders grausam, langwierig und kaum zu beenden. Als Beispiel dieser Art von
Konflikt nennt Huntington vor allem „die blutigen Grenzen des Islam“. Eskaliert ein solcher Bruchlinienkonflikt, indem
sich die Kernstaaten mit einschalten, kommt es auf der Makroebene zu so
genannten Kernstaatenkonflikten.
Ein weiterer Grund für diese Art von Konflikten wird die Verschiebung des
globalen Machtgleichgewichts sein. Allgemein werden Kernstaatenkonflikte eher
die Ausnahme und sehr selten direkt gewalttätig sein. Huntington
sieht in einem weltweiten Krieg
der Zivilisationen gegeneinander keinen Idealzustand, sondern eher ein
Horror-szenario. Dieses scheint ihm realistisch, wohl aber auch vermeidbar. Um
es zu verhindern, schlägt er die Einhaltung von drei Prinzipien vor, die
seiner Meinung nach für die Förderung des Weltfriedens von großer Bedeutung
sind. 1.
Prinzip
der Enthaltung: Tritt ein
Konflikt zwischen Staaten eines Kulturkreises auf, sollen sich die Kernstaaten
anderer Kulturkreise in diesen nicht einmischen. Eine militärische Intervention
von außen würde nur zu Hass und Missgunst innerhalb eines Kulturkreises führen,
der sich in einem solchen Fall bevormundet fühlt. 2.
Prinzip
der gemeinsamen Vermittlung: Die
Kernstaaten sollen durch gemeinsame Verhandlungen Bruchlinienkonflikte
zwischen Staaten und Gruppen innerhalb ihrer jeweiligen Kultur eindämmen oder
beenden. 3.
Prinzip
der Gemeinsamkeiten: „Menschen
in allen Kulturen sollen nach Werten, Institutionen und Praktiken suchen und
jene auszuweiten trachten, die sie mit Menschen anderer Kulturen gemeinsam
haben.“ Kritische
Überlegungen zur Theorie von Huntington
Huntingtons Thesen – teilweise anregend, aber auch
gewagt und provokativ - sind verständlicherweise weltweit auf deutliche Kritik
gestoßen. Skizzenhaft werden nun einige Punkte aus dem Werk Huntingtons herausgegriffen, die man
kritisieren kann und muss. a) Huntingtons Kulturbegriff
Das Problematische an Huntingtons Überlegungen ist die behauptete Dominanz der zivilisatorischen
Dimension, bezogen sowohl auf die Konfliktquelle als auch auf die
Konfliktlinien und -fronten entlang der zivilisatorischen Bruchstelle. Niemand
wird bestreiten, dass zivilisatorische Differenzen ein Element der Konfliktentstehung und -austragung sind und
insbesondere die Verbindung mit religiösen Gegensätzen ihre Eskalation bis hin
zur Gewaltanwendung fördert. Das ist bei vielen aktuellen Konflikten mit
religiösem Hintergrund zu beobachten. Fraglich indessen ist, ob
inter-zivilisatorische Differenzen und entsprechende Konflikte, wie Huntington meint, künftig in der
Weltpolitik und ihren Konfliktstrukturen dominant
sein werden; fraglich ist auch die Prognose, dass der nächste Weltkrieg, wenn
er denn stattfinden sollte, ein „Krieg
zwischen Zivilisationen“ sein wird. Gegen die Widerlegung seiner These hat sich Huntington von vornherein zu
immunisieren versucht, indem er einräumt, dass Konflikte auch zwischen Staaten
und Gruppen ein- und derselben Zivilisation bzw. Kultur auftreten; aber in
solchen Fällen sei, so meint er, Gewalt weniger wahrscheinlich oder werde doch
weniger intensiv angewandt – was freilich fragwürdig ist (wie z.B. der
intra-zivilisatorische amerikanische Bürgerkrieg oder der erste Golfkrieg zwischen
Iran und Irak 1980-1988 zeigen). Huntingtons Kulturbegriff ist sehr einseitig dargestellt und
entspricht bei weitem nicht der Realität. So sind seiner Ansicht nach
Kulturkreise homogene Einheiten, die in sich geschlossen und weitgehend
unveränderbar sind. Dies zeigt sich vor allem daran, dass Staaten ihre kulturelle
Zugehörigkeit nicht aufgeben können und fest an diese kulturellen Kreise gebunden
sind. Für Dieter Senghaas, den
führenden Konflikt- und Friedensforscher in Deutschland, ist dies ein
wesentliches Manko der Huntingtonschen Argumentation.
Er unterstellt auf der Makroebene Kulturbereiche als Wesenheiten und, bei allem
Sinn für Geschichte und Konflikte, argumentiert er im Kern kulturessentialistisch.[6]
Letztlich sind bei Huntington die Kulturen über Jahrhunderte nicht wandlungsfähig und
veränderbar; sie bleiben untergründig konstant, und überdies verarbeiten sie
Außeneinflüsse so, dass immer Kontinuität obsiegt. Huntington ist in seiner Auffassung offensichtlich von den Vorstellungen
Oswald Spenglers (1880 bis 1936) und
insbesondere Arnold J. Toynbees (1889
bis 1975) beeinflusst worden. Kulturen sind aber höchst vielschichtige Realitäten,
die in einem langen geschichtlichen Prozess entstanden und stetigem Wandel
unterworfen sind. Sie sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als gemeinsame
Orientierungsrahmen, die dem Leben der Menschen Sinn verleihen und ihrem
Handeln die Richtung weisen. Im Unterschied dazu vertritt Huntington letztlich einen deterministischen Kulturbegriff. Er
stellt die Kulturen als eindeutige und im Prinzip unveränderliche Größen dar,
die mit innerer Notwendigkeit bestimmte, als positiv oder negativ eingeschätzte
Einflüsse ausüben. Nach dieser Vorstellung ist kulturelle Koexistenz unmöglich
und die Konfrontation der Kulturen unausweichlich. Huntington ist sich über die Gesellschaft im Westen offenbar
überhaupt nicht klar. Eines der Fundamente westlichen modernen Denkens ist, um
mit Nietzsche zu sprechen, die Frage „Wer sind wird, und was sind wir?“. Ist
es überhaupt möglich, von „einer“ Identität zu sprechen, gibt es nicht
zahlreiche Identitäten? Oder sind Identitäten nicht Ergebnis von Herrschaft,
von Willen und von vielem mehr? Huntington
spricht in seinen Schriften immer vom Westen, von der westlichen Art zu
denken. Und genau damit wird klar, wie wenig er eigentlich vom Westen selbst
versteht. Einer der bedeutendsten, machtvollsten Aspekte des Westens, wenn es
so etwas überhaupt gibt, besteht darin, dass die so genannte Identität eine
Revolte gegen Autorität ist. Auch wenn man im Westen zunächst in einer bestimmten
Art und Weise dachte „So ist die Welt“, ist dies spätestens nach Marx, Nietzsche, Darwin und Freud
nicht länger möglich. Hinzu kommt, dass gerade durch die „Kulturwissenschaften“
belegt ist, dass Kulturen komplexer sind und viel mehr als nur eine einzige
Qualität haben. Alle Kulturen sind Mischungen und ihre Traditionen werden von
Menschen bewusst oder unbewußt „geschaffen“. Es gibt keine ursprüngliche
Tradition, die man einfach irgendwo aufliest, um dann von sich selbst zu sagen
„Ja, ich folge der Tradition“. Das Bild jeder Kultur oder Zivilisation ist
künstlich hergestellt und man macht sich Bilder des „Anderen“, da sie für einen
selbst einen bestimmten Gebrauchswert haben. Und das machen wir alle. John D. Bernal zum Beispiel spricht von der Darstellung des antiken
Griechenland als einem Modell einer urbanen Kultur. Wissenschaftlich belegt
ist, dass Griechenland eine Vermengung jüdischer, afrikanischer, phönizischer,
aramäischer und natürlich lokaler Kulturen war. Wir nennen dies heute „klassisches Griechenland“, weil wir es
zu einem Modell der Wurzeln des Westens transformiert haben. Wir haben diesen
Begriff also mit der Absicht „geschaffen", um uns von ihm abzuleiten.
Wenn man dies alles berücksichtigt, kann man unmöglich behaupten, dass die
Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen das zentrale Moment sind. Denn man
ignoriert damit, was innerhalb der Kulturen selbst vor sich geht. Der Begriff des „Kampfes
der Kulturen“ verleitet also unweigerlich dazu, wichtige oder möglicherweise
entscheidende Unterschiede innerhalb der Kulturen selbst zu vergessen. Solche
Unterschiede traten in aller Schärfe hervor, als 1989 eine beträchtliche
Minderheit von Muslimen weltweit gegen das Todesurteil von Ayatollah Chomeiny gegen den Autor Salman Rushdie protestierte – im Iran selbst unterschrieben 127
Intellektuelle ein Protestschreiben - während einige prominente westliche
Stimmen, weltliche und religiöse gleichermaßen, sich für das Verdikt zu
entschuldigen oder es zu „verstehen“ versuchten. Huntington schenkt, und das ist ein weiterer wichtiger
Kritikpunkt, der Verdichtung ökonomischer Austauschbeziehungen, die oftmals
unter dem Begriff Globalisierung zusammengefasst werden, zu wenig Beachtung und
zieht die Linien zwischen den Kulturen als undurchdringliche Mauern. Mit der
Globalisierung verbunden ist aber die Ausbreitung westlicher Wertvorstellungen,
Leitbilder, Lebens- und Konsumstile.[7]
Dieser Trend zur Universalisierung von Werten könnte langfristig zur Herausbildung
einer Weltkultur und Weltethik führen. Einer solchen Homogenisierungstendenz –
durch Wall Street, Silicon Valley, Hollywood, die Popmusikindustrie und die Anglisierung der
technischen Kommunikation - steht das in allen Weltreligionen beobachtbare
Bestreben entgegen, kulturelle und lokale Identitäten zu bewahren, und sei es
auch nur als eine Art Trotzreaktion. Damit ist klar, wo der „Kampf der Kulturen“
eigentlich seinen Platz hat: Nicht so sehr zwischen den Gesellschaften und Ländern,
sondern in ihnen. Wohin sich das entsprechende Land bewegt, hängt von den
inneren Machtverhältnissen und den Koalitionen zwischen den verschiedenen
Richtungen ab. Manchmal gelingt es, die Massen entlang den traditionellen
Linien zu mobilisieren – das war während der iranischen Revolution von 1978/79
der Fall. Anderswo üben die Menschen Lynchjustiz an fundamentalistischen
Terroristen, die ihre wirtschaftliche Grundlage und ihre innere Sicherheit zu
zerstören drohen, wie z. B. in Ägypten. Wichtig ist auch zu verstehen, dass alle
Weltkulturen Anknüpfungspunkte für moderne Interpretationen ihrer Wertsysteme
liefern. Zu jeder Zeit leben Menschen, deren psychologische Entwicklung
verschiedenen geschichtlichen Epochen entspricht. Die Behauptung der Fundamentalisten
und Traditionalisten, die eine wörtliche Auslegung religiöser Schriften fordern
und glauben, damit die einzig authentische Wahrheit zu besitzen, ist ein tragisches
Verkennen der Geschichtsgebundenheit von Sprache und in Sprache übermittelten
Wertsystemen. Gerade die heiligen Schriften der Buchreligionen sind in ihrer
Vielfalt fast beliebig interpretierbar. Nur so haben sie sich auch über
Jahrhunderte oder Jahrtausende unter drastisch unterschiedlichen Umständen
behaupten können. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Huntington nicht auf die Vielgestaltigkeit
jedes einzelnen Kulturkreises eingeht und somit seine Aussagen eine tief
greifende Beschreibung aller Kulturkreise vermissen lassen. Der Leser erfährt
bei Huntington nur etwas über die
westliche Kultur und kurze Anmerkungen über den sinischen Kulturkreis. Die
anderen Kulturen von Huntington
scheinen nicht den Stellenwert zu besitzen, um näher auf sie einzugehen. Über
den Islam, der doch die Weltpolitik durch sein aggressives Verhalten so prägen
soll, findet man fast überhaupt nichts. Huntington
differenziert nicht „den Islam“, er unterscheidet nicht zwischen Islam als Weltreligion
und Islamismus als radikal-politischem Konzept, das glaubt, durch den
Rückgriff auf die Urquellen des Islam die Probleme der heutigen Zeit lösen zu
können. Dieser politische Islam zielt aktiv auf die Errichtung eines islamischen
Staates, in dem Gott und nicht der Mensch der Souverän ist. Auch die Aufteilung der Welt in sieben oder acht
Kulturkreise kann man mit großer Skepsis betrachten, denn dabei verstrickt sich
Huntington in eine Reihe von
Widersprüchen. Die „westliche“ Zivilisation ist für ihn ein monolithischer
Block; der so unterschiedliche Länder wie Nordamerika und Westeuropa sowie die
von deren Bewohnern besiedelten Gebiete umfaßt, zu denen er zwar Australien und
Neuseeland, nicht aber die „lateinamerikanische“ Zivilisation rechnet. Er widerspricht
sich zudem, indem er Griechenland und Zypern der „westlichen“ und nicht der
„slawisch-orthodoxen“ Zivilisation zurechnet. Und wenn der Hinduismus eine
Zivilisation begründet, warum nicht der Buddhismus? Besonders aber fällt Huntingtons Schweigen in Bezug auf das Judentum auf, welches nach
seinen eigenen Kriterien eine eigene Zivilisation par excellence wäre. Huntingtons
Schweigen zu einer möglichen jüdischen Zivilisation sowie zu der Frage, welche
strategische Rolle der Staat Israel in seinem Gesamtkonzept spielt, mag auf der
seit einigen Jahrzehnte festen amerikanisch-israelischen Allianz, der bedeutsamen
Rolle der jüdischen Staatsbürger in den USA sowie auf der heute fest etablierten
Vorstellung einer christlich-jüdischen Tradition basieren. Es bleibt jedoch
eine auffallende Inkonsistenz im Huntington’schen
Modell. b) Empirische Beispiele
Der Friedensforscher Harald Müller, Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, bemängelt vor allem die Verkehrung des
Opfer-Täter-Verhältnisses bei folgender Aussage Huntingtons: „In Bosnien
haben Muslime einen blutigen und verhängnisvollen Krieg mit orthodoxen Serben
geführt und auch gegen katholische Kroaten Gewalt ausgeübt.“[8]
Dass hier die historische Wahrheit auf der Strecke bleibt, ist für Harald Müller nicht sehr verwunderlich,
da Huntington ja bereits mit dem Vorverständnis
vom „blutigen Islam“ an den Krieg herangeht.[9] Der Zweite Golfkrieg, den Huntington als Beleg seiner Theorie anführt, impliziert dagegen
nicht einmal den geringsten kulturellen Aspekt. Nur Saddam Hussein hat versucht, die kulturellen Differenzen verstärkt
hervorzuheben, um auf eine breitere Unterstützung innerhalb der islamischen
Welt bauen zu können. Im Vordergrund dieses Konfliktes standen territoriale und
ökonomische, nicht kulturelle Fragen. Die Balance
of Power war im Nahen Osten in Frage gestellt, weshalb sich auch
Saudi-Arabien so pro-westlich verhielt. Der von Huntington
erwähnte Konflikt im Kaukasus zwischen Armenien, Aserbaidschan und den
umliegenden Großmächten kann man kaum als einen „Kampf der Kulturen“
bezeichnen. Auch hier steht nicht der Konflikt im Vordergrund, sondern
politische, ideologische und ökonomische (die Ölpipelines) Gründe waren
ausschlaggebend.[10] Besonders die innerkulturellen Konflikte, die bei Huntington kaum Beachtung finden,
stellen ein großes Fragezeichen hinter die These „Kampf der Kulturen“. Wie kann
man Konflikte wie die in Nordirland, Ruanda, der Türkei (gegen die Kurden)
u.v.a. mit der Argumentation Huntingtons
erklären? Dies fällt sehr schwer. Für den Politikwissenschaftler Pierre Hassner finden die derzeitigen Konflikte
nicht zwischen den großen Kulturkreisen, „sondern
zwischen Tutsi und Hutu, zwischen Paschtunen und Tadschiken, zwischen Schiiten
und Sunniten, zwischen Türken und Kurden, Iranern und Irakern“, also
entlang ethnischer Grenzen statt. c) Die Ursachen zukünftiger Kriege
und Konflikte
Wie schon die wenigen Beispiele zeigen, wird die
von Huntington vertretene kulturelle Ursache von Konflikten nicht bestritten.
Diese ist aber weder die einzige noch die gefährlichste Triebfeder von Kriegen.
Es spielen vor allem machtpolitische und ökonomische Gründe ein Rolle, deren
Bedeutung Huntington vollkommen unterschätzt. Dieter
Senghaas bezeichnet Huntingtons Thesen zu Kriegsursachen als
vordergründig. Huntington entgehe die
Tatsache, „dass kulturelle und in aller
Regel religiöse Faktoren selten am Ausgangspunkt einer Konflikteskalation durchschlagendes
Gewicht besitzen.“ Überwiegend seien soziale und ökonomische
Diskriminierung die Ursache für Konflikte, wofür man besonders die klassische
Minderheitenproblematik als weltweit abrufbaren Beleg heranziehen könne.
Verschiedene Möglichkeiten, wie z.B. die Schulbildung, die die
Mehrheitsgesellschaft tagtäglich in Anspruch nehmen kann, bleiben den
Minderheiten oft versperrt. Diese Frustration der verpassten Chance führt dann
schnell zu einer Politisierung der Kultur, besonders wenn die Diskriminierung
der Minderheit diesen Aspekt ausdrücklich mit einschließt. Darin liegt die
„Modernität“ solcher Konflikte, nicht etwa in einem neuen Kulturbewusstsein. Man muss Huntington
vorwerfen, dass er zunächst zwar multipolar argumentiert, dann aber in die
Bipolarität zurückverfällt, indem er versucht, die These „the west against the
rest“ mit dem Schlagwort vom „Kampf der Kulturen“ zu untermauern. Er presst die
komplexen Verhältnisse in der Welt wieder in das einfache Schema: Wir gegen
sie, gut gegen böse, Recht gegen Unrecht, wie es zu Zeiten des Kalten Krieges
üblich war. Huntington ist dem alten
Modell also viel zu sehr verhaftet und denkt größtenteils noch in den
Kategorien des Ost-West-Konflikts. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwand
das alte Feindbild, an seine Stelle tritt bei Huntington das neue Feindbild Islam und China. Eine
Instrumentalisierung der Kultur aus politischen Interessen ersetzt alte
Feindbilder durch neue, um militärische Ausgaben, westliche Bündnistreue oder
die Notwendigkeit einer Vormachtstellung der USA, bzw. des Westens, zu
rechtfertigen. Nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Verkürzung und Vereinfachung,
sondern auch wegen dieser Argumente sind solche Szenarien äußerst umstritten.
Ideologen wie Huntington stellen
letztlich den Nationalismus in seiner schlechtesten Variante dar, da sie die
Welt in einen Osten und einen Westen aufteilen, die sich unterscheiden müssen. Huntington scheint es vor allem darum zu
gehen, eine weiterhin starke Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu
legitimieren. Irrtümer in Huntingtons Theorie
In Abkehr von den Geisteswissenschaften und
Zuwendung zum Behaviorismus der 50er Jahre (der als wissenschaftliche
Forschungsrichtung der Psychologie auch menschliches Verhalten und seelische
Erlebnisse in naturwissenschaftliche Untersuchungsweisen einzubinden suchte)
machte sich eine Denkweise und „rationale“ Steuerung in der Politik breit, in
der die Wirkungen von Gefühl, Vorurteilen, Altruismus, Ethik, Religion, Ideologie
oder kulturellen Werten als im wörtlichen Sinne „unberechenbar“ ausgeschlossen
waren. Die politischen Schlussfolgerungen aus dieser Haltung einschließlich der
Militärdoktrinen vom begrenzten Konflikt und der kalkulierten Reaktion, mit
Stufen der Eskalation, alternativen Szenarios und anderen analytischen
Überlegungen fanden in der Praxis Anwendung bei der Ausarbeitung der
Atomstrategie im Kalten Krieg, der Führung des Vietnam-Krieges und anderen
strategischen und politischen Problemen. Kulturelle, psychologische und historische Faktoren
waren aus diesen Modellen und Analysen fast unweigerlich ausgeschlossen – nicht
nur, weil sie sich im Normalfall nicht quantifizieren lassen, sondern auch,
weil die Menschen, die sich mit dieser neuen Art politischer Studien anfreundeten,
gewöhnlich kein Interesse für Kultur und Politik zeigten. Unmittelbare Kenntnisse
fremder Gesellschaften galten allgemein als verzichtbar, als „weiches“ Wissen,
als „anekdotisch“ und daher unverwendbar für die vorgeblich wissenschaftliche
Untersuchung. Die Arbeitsergebnisse der neuen politischen
Wissenschaften wurden und werden häufig in Tabellen und quantifizierbaren
Aussagen dargeboten, obwohl die Mengenangaben gewöhnlich keine objektiv
gemessenen Phänomene wiedergeben, sondern einer mehr oder weniger willkürlichen
Zuordnung numerischer Werte zu Aspekten politischen Verhaltens oder sozialer Phänomene
huldigen. Das ist in gewisser Weise sogar verständlich, da die Auftraggeber für
politische Analysen, meist offizielle Körperschaften, in der Regel nur sehr
wenig von den Themen wussten, mit denen sie zu tun hatten. Die
Regierungsnachfragen nach politischen Analysen, insbesondere im Pentagon, dem wichtigsten Klienten in
den USA, werden von Menschen geprägt, die ihre Ausbildung in der Technik oder
den Naturwissenschaften erhielten und ihre analytischen Konzepte, durchaus
verständlich, aus diesen Disziplinen beziehen. Sie wollen „harte“, objektiv
kommunikable, mathematisch oder experimentell untermauerte Analysen. Sie wollen
quantifizierte Schlussfolgerungen, weil sie Zahlen für objektiv und verlässlich
halten. Das Ergebnis
ist eine Form der Politikanalyse, in der spezifische Kenntnisse über ein Thema
sogar als Nachteil betrachtet werden können, weil sie die vorgeblich
wissenschaftliche Objektivität der Analyse verzerren könnten. Zudem standen damals wie heute Bürokraten oder
Politiker auch unter dem Druck aktueller Krisen und politischer Interessen. In
dieser Situation konnten allgemeine Theorien zu einem modischen Thema immer
ohne große Schwierigkeiten mit Unterstützung rechnen. Die vielschichtige und
differenzierte Realität menschlicher Angelegenheiten beleidigt den Politikberater,
weil sie nicht nur das Verständnis sondern auch das Handeln erschwert. Die
Politik einer Nation bedarf eines einleuchtenden, intellektuellen
Grundprinzips. Deshalb muss die Realität konzeptionell übervereinfacht werden,
wenn sie nützlich sein soll. Ohne „vereinfachte
Bilder der Realität“, schreibt Huntington,
gibt es nur „ein einziges schauerliches
Durcheinander“. Huntingtons These liefert eine plausible allgemeine Erklärung
für viele Ereignisse auf dieser Welt und rationalisiert die Ängste der
Amerikaner und anderer angesichts des islamischen Fundamentalismus und des
Aufstiegs nicht nur der asiatischen Wirtschaftsmacht, sondern auch der
Verknüpfung dieser Macht mit „asiatischen
Werten“, die westlichen Werten entgegenstehen. Er behauptet, „ein zentraler Brennpunkt des Konflikts in
unmittelbarer Zukunft“ werde die Konfrontation zwischen dem Westen und „mehreren islamisch-konfuzianischen Staaten“ sein.
Damit meint er ein praktisches Bündnis zwischen
aggressiven islamischen Staaten und den asiatischen Staaten, die ihnen Waffen
liefern werden. In diesem Szenario werden für die Zukunft zahlreiche Konflikte
vorausgesehen, was die Aufrechterhaltung einer starken amerikanischen
Verteidigung rechtfertigt – zweifellos liegt darin sein Reiz für gewisse Kreise
in den USA. Ein Grund, warum Huntingtons These Überzeugungskraft entwickeln konnte, liegt in
ihrer Vertrautheit. Die Vorstellung von Zusammenstößen zwischen Zivilisationen,
von Rassenkriegen, von der Drohung der Horde, ist uns vertraut seit der
Entdeckung von Welten jenseits unserer eigenen Grenzen. Zwischen der
nichtwestlichen Welt und Europa herrschte Spannung, seit Europa durch die
großen Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts in direkten Kontakt mit
den asiatischen Zivilisationen gekommen war und die Erforschung und
Kolonisierung von Amerika und Afrika begonnen hatte. Das Machtgefälle zwischen Islam, China und den
indischen Staaten war zu jener Zeit nicht groß. China war eine höher entwickelte
und besser regierte Gesellschaft als das Europa des 16. Jahrhunderts. Aber im
17. und 18. Jahrhundert eignete Europa sich eine moderne Wissenschaft und
Technologie an, festigte seine ohnehin bestehende Überzeugung von seiner moralischen
Überlegenheit über „zurückgebliebene“ und heidnische Gesellschaften und leitete
daraus sein Recht zur Herrschaft über andere ab – mit Konsequenzen, die sich
als das wichtigste Thema der modernen Geschichte erwiesen haben. In dieser
Hinsicht ist der „Zusammenprall der Zivilisationen“ vierhundert Jahre alt. Huntingtons
Schema ist jedoch auch aus einem
anderen Grunde vertraut. Es handelt in Wirklichkeit gar nicht von Zivilisationen.
Er hat eine Liste der wichtigeren Mächte oder Macht- und Interessengruppen von
heute aufgestellt und beschlossen, sie Zivilisationen zu nennen: Nordamerika,
die Europäische Union, Russland und einige seiner orthodoxen Nachbarn, Japan,
China und Indien. Der Islam weist in Huntingtons Schema den Nachteil auf, dass
er nicht über einen Kernstaat verfügt. Mehr noch: Die Muslime Bosniens, der
Türkei, Indiens, Chinas, Zentralasiens, Malaysias, Indonesiens wie auch die
islamischen Gesellschaften Afrikas südlich der Sahara teilen nur wenige
Interessen oder Konflikte mit Ägypten (das nach Huntingtons Überzeugung arabisch ist), mit dem Iran, den
Maghreb-Staaten und den eigentlichen arabischen Staaten. Huntington sieht sich daher gezwungen, den Islamismus – islamischen
Fundamentalismus – als kennzeichnenden Kern der islamischen Zivilisation zu
behandeln, den er in Zukunft für wichtig hält. Huntington behandelt Zivilisationen als politische Einheiten.
Das sind sie nicht. Zivilisationen entscheiden nicht, handeln nicht und führen
keine Kriege. Die Kolonialimperien England, Frankreich, Portugal und Spanien
gehörten sämtlich der westlichen christlichen Zivilisation an, aber ihre Reiche
kamen zustande durch Handelsgesellschaften und Regierungen, die aufgrund
nationaler Imperative handelten. Das Indien der Mogule war ein Teil der
islamischen Zivilisation, so wie heute der Irak, aber der Islam war nicht das
Indien der Mogule, und er ist nicht der Irak. Dies sind individuelle politische
Einheiten innerhalb einer Zivilisation. Huntington
und die islamische Welt Aus dem Zeit-Interview mit Samuel Huntington „Die blutigen Grenzen des Islam“ (September
2002):
„Die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts war die Ära der Weltkriege, die zweite die Ära des Kalten Krieges.
Im 21. Jahrhundert hat die Ära der Muslim-Krieg begonnen. Es sind all die
Kriege, wo Muslime gegen Nichtmuslime wie auch untereinander kämpfen. Dazu
kommt, das der Islam blutige Grenzen hat. Nicht, weil der Islam grundsätzlich
blutrünstig wäre. Viele Faktoren spielen mit. Einer ist das historische Gefühl
unter Muslimen, vor allem unter Arabern, dass sie vom Westen unterjocht und ausgebeutet
worden seien. Ein anderer ist der Groll über konkrete westliche Politik,
insbesondere der amerikanischen Unterstützung Israels. Ein dritter ist die ‚demographische
Beule´ in der islamischen Welt. Die Altersgruppe 15 bis 30 ist dort die größte.
Diese jungen Männer finden zu Hause keine Jobs. Sie versuchen nach Europa
auszuweichen oder lassen sich für den Kampf gegen Nichtmuslime rekrutieren. Al
Qaida zahlt sehr gut.“ Huntingtons Theorie reagiert auf zwei hervorstechende Probleme
der Gegenwart – den islamischen Fundamentalismus und die Herausforderung Japans
und Chinas an Amerika. Bei der letzteren handelt es sich jetzt in erster Linie
um eine ökonomische Konkurrenz; Huntington
geht jedoch davon aus, dass diese Konkurrenz in der Zukunft politischer und
strategischer Natur sein wird. Im Falle des Islam nimmt er an, dass der
Fundamentalismus zum entscheidenden Merkmal der moslemischen Welt, oder doch zumindest
ihrer mittelmeerischen und afrikanischen Gebiete werden wird. Huntington bringt es fertig, die Feindschaft der arabischen
Staaten gegenüber den USA und dem Westen zu diskutieren, ohne die gewaltsame Errichtung
des Staates Israel 1948 auf palästinensischem Boden mehr als nur beiläufig zu
erwähnen. Er stellt fest, dieses Ereignis und der daraus folgende Krieg von
1948 habe „die Grundlage für den anhaltenden
arabisch-israelischen Antagonismus“ gelegt, als sei dies die einzige Folge
gewesen. Er berücksichtigt auch nicht, dass der Iran und die Länder des
arabischen Nahen Ostens und des Maghreb ihrerseits keine durchgängige
Geschichte der Feindschaft gegenüber dem Westen besitzen, nicht einmal in der modernen
postkolonialen Periode. Der Irak war in den fünfziger Jahren im Rahmen des Bagdad-Paktes mit dem Westen verbündet.
Der Iran war bis zur Revolution von 1979 der wichtigste regionale Alliierte der
Vereinigten Staaten. Ägypten, heute ein Verbündeter Washingtons, galt in den
fünfziger und sechziger Jahren in Washington als – wie es heute heißen würde – „Schurkenstaat“ und als Komplize, wenn
nicht gar Marionette Moskaus. Andererseits führten der Iran und der Irak
zwischen 1980 und 1988 einen der größten und blutigsten Kriege der Gegenwart
mit rund einer Million Toten. Der
islamische Fundamentalismus ist
zwar Huntingtons große Sorge; er ist
jedoch nicht bereit, ihn als einen gesonderten, kontroversen und umstrittenen
Faktor der islamischen Religion und Politik von heute zu betrachten, der sich
eher nach innen als nach außen richtet. Das Interesse der islamischen
Fundamentalisten am Westen besteht darin, ihn zu vertreiben und seine
politischen, kommerziellen und kulturellen Einflüsse aus ihren Gesellschaften
fernzuhalten. Sie haben keinerlei Interesse, nicht assimilierbare Bevölkerungen
von Ungläubigen zu annektieren. Außerdem sind sie bereit, sich mit westlichen
Religionen in einem gemeinsamen Kampf gegen weltliche Einflüsse zu verbünden –
so etwa, als eine islamisch/römisch-katholisch/jüdische Koalition gegen die
Entwürfe bestimmter Empfehlungen der UN-Bevölkerungs- und Entwicklungs-Konferenz
in Kairo 1994 Front machte, und danach wieder in Peking bei der Frauen-Konferenz
der UNO 1995. Die islamistische Bewegung ist ein Ergebnis des
Scheiterns oder der Korruption der weltlichen arabischen nationalistischen und
sozialistischen Bewegungen der fünfziger und sechziger Jahre in allen Bereichen
der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Erziehung und der Kultur,
das völlige Versagen aller politischen arabischen Regime – seien sie nun
republikanisch oder monarchisch, sozialistisch oder kapitalistisch, progressiv
oder konservativ. Die sozialen und politischen Fortschritte, die in den
fünfziger Jahren Nasser in Ägypten versprach,
ebenso wie die weltlichen Baath-Parteien
(der „arabischen Wiedergeburt“) in Syrien und dem Irak und die algerische
Nationale Befreiungsfront, die Algerien von Frankreich befreite, sind ausgeblieben.
Viele Menschen in dieser Region glauben jetzt, durch strikte Einhaltung der
religiösen Gebote könnten sich ihr Leben und ihre Gesellschaft zum Besseren
wenden. Wenn auch das scheitert, werden sie nach einer anderen Lösung suchen. Die Spannungen zwischen islamischen Staaten im
Nahen und Mittleren Osten und dem Westen sind das unmittelbare Ergebnis der
Errichtung Israels, von Konflikten aus materiellen Interessen, vor allem um Öl,
oder den Spätfolgen des Kolonialismus. Andere Regionen der islamischen Welt –
die islamische Türkei, Indonesien, Pakistan, Malaysia, die Moslems Indiens, Chinas,
Zentralasiens, der Philippinnen, Albaniens, Bosniens, Mazedoniens, Bulgariens –
mögen ebenfalls Probleme mit westlichen Regierungen und der westlichen
Gesellschaft haben, aber es sind eben nicht die Probleme der Araber, und sie
hängen selten mit dem islamischen Fundamentalismus oder der islamischen
Religion als solcher zusammen. Die Konflikte in und um Israel und damit indirekt
mit den USA sowie der Terrorismus von Hamas,
Islamischer Dschihad etc. haben einen
noch einfacheren Grund: Die Errichtung eines westlichen Staates im damals arabischen
Palästina. Wenn der „Friedensprozess“
jemals eine dauerhafte politische Lösung hervorbringen sollte, dann gibt es
keinen Grund, warum die beiden Gemeinschaften nicht miteinander auskommen
sollten, so wie Israel seit dem Krieg von 1973 mit Jordanien und Ägypten
ausgekommen ist. Huntington ist
überzeugt, die islamische Gesellschaft sei ihrem Wesen nach ebenso intolerant
wie gewalttätig, und schon in der Vergangenheit hätten „moslemische Länder Probleme mit nicht-moslemischen Minderheiten“ gehabt,
„vergleichbar mit denen, die
nicht-moslemische Länder mit moslemischen Minderheiten haben“. Das zeugt
von Unkenntnis der Geschichte der arabischen und ottomanischen Reiche. Rasse als
Schicksal? Indem Huntington
versucht, Zivilisationen und Kulturen aus der Peripherie der internationalen
Politik in den Mittelpunkt derBühne zu rücken, begibt er sich auf einen Weg,
dessen Konsequenzen ihm gar nicht klar sind, und über die bisher in der
Öffentlichkeit viel zu wenig diskutiert wurde. Sein Unternehmen wirkt, als
wolle man wieder einmal die Rasse in den Mittelpunkt der welthistorischen Bühne
stellen. Er setzt die Zivilisation als kulturelle Einheit ohne politische
Existenz, an die Stelle klar erkennbarer und verantwortlicher politischer
Akteure wie Staaten, Regierungen, Führer, Individuen. Er verkündet die
historische und politische Schicksalhaftigkeit und folgert, wir seien im Griff
eines anonymen Geschicks. Sein Argument, in der Zukunft würden Kriege zu
Konflikten zwischen Zivilisationen, verlagert die Verantwortung für diese
Kriege aus dem Bereich des menschlichen Willens und der politischen
Entscheidung auf die der kulturellen Vorbestimmtheit. Wenn wir akzeptieren,
dass die Konflikte der Zukunft im Grunde kultureller Natur sind, müssen wir zu
dem Schluss kommen, das es für sie keinerlei Lösung geben wird. Wenn der Moslem
der tödliche Feind des Europäers ist, weil er Moslem ist, und der Japaner, weil
er Japaner ist, und Europäer und Amerikaner deren Feinde, weil sie der
westlichen Zivilisation angehören, dann haben alle die Kontrolle über ihre
Zukunft verloren. Für die Zugehörigkeit zu einer Zivilisation wie für die Zugehörigkeit
zur Rasse entscheidet man sich nicht; sie ist kompromisslos, nicht wählbar.
Wenn Konflikte, in denen heute Verhandlungslösungen als möglich gelten –
Streitigkeiten um Territorien, Handelsbedingungen, Rohstoffe, Machtstreben,
Geopolitik, Ideologie – nun als Zusammenstöße von Zivilisationen interpretiert
werden sollen, dann wird damit die Möglichkeit ihrer Lösung bestritten. Kriege
zwischen Zivilisationen können noch nicht einmal gewonnen werden, außer durch
die Vernichtung einer anderen Zivilisation. Huntington beschließt sein Buch mit einem Aufruf zur
Toleranz, damit Zivilisationen lernen könnten, in Frieden miteinander zu leben,
in Kooperation für das gemeinsame Wohl – aber seine Theorie sieht eine andere
Zukunft voraus, mit moralisch wie politisch katastrophalen Konsequenzen. Die
relevanten Konflikte der Welt von heute, ebenso wie jene der Zukunft, haben
jedoch mit nationalen Interessen zu tun, mit nationaler Expansion, mit Macht,
Geld, Kommerz, Territorien, Öl, Geschichte, religiösen und politischen
Ideologien, mit dem Machtstreben von Politikern und den Leidenschaften ganzer
Völker. Für sie alle gibt es Lösungen.[11]
Das
amerikanische Selbstverständnis als Nährboden für Huntingtons Thesen Die Pax
Americana gleicht keinem anderen Imperium in der Geschichte – angefangen
damit, dass die USA eine direkte Herrschaft über abhängige Völker lieber
vermeiden und Zugang und Einfluss dem direkten Kommando vorziehen. Amerikas
Imperium ist informell, da es sich nicht aus Satelliten oder Lehen
zusammensetzt, sondern aus nominell gleichrangigen Staaten. Wann immer möglich,
herrschen die USA indirekt über ihr Imperium, meist über zwischengeschaltete
Institutionen, deren Ton und Politik sie aber bestimmen, etwa in der Nato und
im Weltsicherheitsrat der UNO, im IWF und in der Weltbank. Obwohl ihre
militärische Vormacht unbezwingbar ist, ziehen die Vereinigten Staaten die
Verführung der Nötigung vor. Wo es möglich ist, setzen sie auf die Anziehungskraft
des „American way of life“, um Zweifler und Gegner zu überzeugen. Respekt wird
Washington daher immer öfter freiwillig entgegengebracht. Ein Imperium hat aber
keine Verbündeten, es hat Vasallen. Auch das erschöpfte Europa der
Nachkriegszeit suchte Schutz und wirtschaftliche Wiederbelebung auf den mächtigen
Schultern der USA – und stützte damit umgekehrt aktiv deren Vormacht. Das so
entstandene „Imperium auf Einladung“ dauerte auch fort, als Europas Wohlstand
wiederhergestellt und ein Angriff längst nicht mehr zu befürchten war. Imperiale Mächte unterscheiden sich in den Werten, die sie ihrem Herrschaftsbereich
vermitteln wollen. Wo die alten europäischen Imperien ihren Zweck (zumindest
teilweise) in der Verbreitung der Vorzüge westlicher Zivilisation definierten,
qualifiziert sich die Pax Americana
heute zwar als historische Nachfolgerin. Doch während sich die früheren
imperialen Unternehmen darauf spezialisierten, Heiden zu bekehren, den Wilden
die Aufklärung nahe zu bringen oder die Länder auszubeuten, heißt das wahre
Ziel des amerikanischen Imperiums „Freiheit“. Als Thomas Jefferson davon sprach, dass die Vorsehung die Vereinigten
Staaten auserkoren habe, ein „Imperium
der Freiheit“ zu schaffen,
wiederholte er eine unter seinen Landsleuten weit verbreitete Empfindung. Tatsächlich sahen sich die USA seit Gründung der
Republik als „Neues Jerusalem, vom Himmel
gesandt“: Diese Definition einer historischen Bestimmung ist bis heute tief
in die amerikanische Psyche eingegraben. „Die
Bewahrung des heiligen Feuers der Freiheit“, erklärte George Washington in seiner ersten Amtseinführungsrede 1789, sei „in die Hände des amerikanischen Volkes
gelegt worden“. So wie die Macht Amerikas zunahm, so nahm auch die
Ausdehnung seiner Ambitionen zu. Denn die seit 1789 weitgehend unveränderte
US-Verfassung ist ein utopisches Dokument, das darauf abzielt, das politische
System auf einige wenige gültige Prinzipien zu reduzieren. Diese Prinzipien
sollten, laut Verfassungspräambel, die Vereinigten Staaten in eine immer „vollkommenere Union“ verwandeln. Von Anfang an handelte das amerikanische Volk in
der Überzeugung, es sei auserwählt, der Entwicklung der Menschheit den Weg zu
weisen. Dieser Gedanke ist fundamental für das amerikanische Verständnis von
der Aufgabe der Nation seit 1629, als verfolgte anglikanische Dissidenten die Massachusets Bay Company übernahmen und eine neuartige religiös inspirierte
Gemeinschaft gründeten: Sie sollte der Menschheit als Vorbild dienen. Von
dieser moralischen und intellektuellen Grundlage aus gelangten die Amerikaner
zu der Schlussfolgerung, die Welt sei letzten Endes dazu bestimmt, in einer
fortgeschrittenen Version des amerikanischem Systems aufzugehen. Dessen
Überlegenheit demonstrieren heute zusätzlich die wirtschaftliche Stärke und
Produktivität der USA, ihre technologische Dynamik und eine Innovationsfreude,
die ihresgleichen sucht. Aus der Besonderheit der Verfassung ergeben sich einige
Konsequenzen, was die Selbstwahrnehmung des Landes betrifft und den Platz, den
es sich in der Welt zuschreibt. Weil ihre Gründungsprinzipien als
unbezweifelbar richtig gelten, haben alle nachfolgenden Generationen die
selbstverständliche Pflicht, diese Prinzipien für immer aufrechtzuerhalten. Und
weil sie gerecht und moralisch sind, folgt daraus, dass die USA unmöglich etwas
Unrechtes tun können, solange diese Prinzipien konsistent angewandt werden.
Daraus folgt weiter, dass Ausländer, die anderen Prinzipien anhängen, entweder
zu bemitleiden oder zu verunglimpfen sind. Die politische Kultur der USA weist seit Beginn ein
gebrochenes Verhältnis zu multilateralen Arrangements auf. Die Vorstellung, das
eigene Gemeinwesen sei herausgehoben, weil es allgemein moralische Prinzipien
wie Selbstbestimmung oder Meinungsfreiheit in besonders vorbildlicher Weise
verkörpere, schlägt sich im außenpolitischen Denken bis heute in der Form eines
moralisierenden Grundtons und eines Missionsgedankens nieder. Diese Einstellung
lässt zwei Ausprägungen zu. Entweder die Abwendung von der korrupten Welt,
wobei man allerdings immer noch darauf setzt, durch das Beispiel missionierend
zu wirken. Oder die aktive Gestaltung der Welt nach dem eigenen Vorbild. Diese zwei Ausprägungen des Missionsgedankens
erklären, warum die USA einerseits wie keine andere Nation den Aufbau
internationaler Organisationen vorantrieb, andererseits zu diesen ein
ambivalentes, phasenweise feindliches Verhältnis ausprägte. Der aktive Variante
gelten seit Präsident Wilson und
anderen die Internationale Organisationen als das Instrument, welches am
ehesten den moralischen Prinzipien entspricht, auf denen amerikanische Außenpolitik
beruhen sollte. Sobald internationale Organisationen aber beginnen, eine Normen-
und Werteordnung zu repräsentieren, die sich mit der amerikanischen nicht mehr
vollständig deckt, schlägt die amerikanische Haltung fast zwangläufig um. Aus
dem moralischen Prinzip folgt dann der Imperativ, die eigene Handlungsfreiheit
gegen Institutionen, die nicht auf Moral basieren, verteidigen zu müssen. Die Überlegenheit der politischen Werte und
Maßstäbe Amerikas gilt als selbstverständlich. Und der Triumph des
amerikanischen Modells, der Untergang des rivalisierenden Gesellschafts- und
Politikmusters der Sowjetunion scheinen es zu beweisen: Unvermeidlich zieht
eine neue Form der Weltgesellschaft herauf, die von den Vereinigten Staaten
angeleitet, wenn nicht gar von ihnen regiert wird. Amerikanische Außenpolitik
basierte immer auf dem Glauben, dass Modernisierung, Verwestlichung und Amerikanisierung
organisch miteinander zusammenhängen und uneingeschränkt Nutzen bringen. Sie
gelten als notwendige Voraussetzungen einer guten Ordnung der menschlichen
Gesellschaft. Folglich ist eine Unterscheidung zwischen Amerikas
Idealen (die für universell erachtet werden) und Amerikas Interessen (die
partikular, aber in ihrem Umfang global sind) eine leere Unterscheidung. Vom Weißen Haus, vom Kapitol oder vom Pentagon
aus betrachtet sind die beiden praktisch austauschbar. Weil die Amerikaner
taktische Flexibilität für Heuchelei halten, bezichtigen Kritiker der
amerikanischen Politik – in letzter Zeit vor allem europäische Kritiker – die
USA der Arroganz, der Willkür und der Ungeschicklichkeit. Aber solche Beschuldigungen
hinterlassen kaum Eindruck in der quer durch das Spektrum amerikanischer
Politik verlaufenden Überzeugung, dass amerikanische Interessen auf lange Sicht
bestens mit den Interessen der gesamten Menschheit übereinstimmen. Die Staaten
aber, die stur darauf bestanden, anders zu denken – im amerikanischen Sprachgebrauch
„Schurkenstaaten“ - machten sich nicht nur zu Feinden der USA, sondern zu
Feinden der Freiheit selbst. Gleichzeitig kam es zu einer – weniger öffentlichen
– Globalisierung der amerikanischen Militärpräsenz. Nach dem Ende des Kalten
Krieges haben die Vereinigten Staaten die weltweite Infrastruktur ihrer
Regionalkommandos, Stützpunktabkommen und Beziehungen zu ausländischen
Streitkräften stetig ausgebaut. All dies legt die Annahme einer permanenten und
globalen militärischen Präsenz der USA nahe. Amerikanische Truppen sind gegenwärtig
in über 40 Ländern stationiert. In ganz Europa einschließlich der ehemaligen
Sowjetrepubliken sowie in großen Teilen Asiens und Lateinamerikas gibt es auf
Kommando- und Stabsebenen enge Beziehungen, Austauschvereinbarungen und
gemeinsame Übungen. Schon vor Beendigung des Afghanistan-Krieges begannen die
Vereinigten Staaten militärische Einrichtungen in Usbekistan, Kirgisien,
Kasachstan und Pakistan zu installieren, um ihre Präsenz in Zentralasien, die
nach Angaben des Pentagon „Jahre anhalten könnte“, zu sichern. Die strategische
Doktrin des Verteidigungsministeriums zielt derzeit darauf ab, das Schlachtfeld
so weit wie möglich von den Vereinigten Staaten entfernt zu halten und die
schützende Distanz wieder aufzubauen, die am 11. September so dramatisch
verloren ging. Zugleich geht es, in den Worten des Pentagon, darum, weltweit „umfassende
Dominanz“ (full spectrum dominance)
zu erlangen und durchzusetzen. ![]() Am 1. Oktober 2002 wurde die Welt aufgeteilt -
aufgeteilt unter den militärischen Oberkommandos der Vereinigten Staaten. Zum
ersten Mal in der Geschichte gibt es kein Fleckchen Erde mehr, für das nicht
eines der regionalen Kommandos der USA zuständig ist - auch nicht in der
Antarktis. Schon darin spiegelt sich das veränderte Selbstverständnis
Washingtons als einzige nach dem Krieg verbliebene Supermacht. Erstmals ist ein
Oberkommando für die Verteidigung Nordamerikas (NORTHCOM) etabliert worden. In
den Zuständigkeitsbereich des Oberkommandos
Europa (EUCOM) fällt auch Rußland, das somit nicht mehr als Supermacht
betrachtet wird, aber auch nicht als Feindstaat. Dies alles und noch mehr kann
man dem „Unified Command Plan“ entnehmen, einem Dokument, das alle 2-3 Jahre
überarbeitet und vom Präsidenten der USA genehmigt wird. (PACOM = Pazifisches
Oberkommando; SOUTHCOM = Mittel- und Südamerika; CENTCOM = Nordostafrika,
Persischer Golf, Zentralasien und Pakistan). In seiner Ansprache nach den Angriffen weigerte
sich Präsident George W. Bush, es
überhaupt für bedenkenswert zu halten, dass die Angriffe auf Symbole der
amerikanischen Wirtschafts- und Militärmacht irgend etwas damit zu tun haben
könnten, wie die USA diese Macht einsetzen. Statt dessen beschloss er, die Angelegenheit
in eine Terminologie der Freiheit einzubetten. Warum hassen sie uns? „Sie
hassen unsere Freiheiten“, erklärte Bush
– und lenkte so geschickt die Aufmerksamkeit ab von der Frage nach den
Konsequenzen eines Imperiums. In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sagte
der US-Präsident am 23. Mai 2002: “Die Terroristen sind durch ihren Hass
definiert. Sie hassen Demokratien, Toleranz und freie Meinungsäußerung. Sie
hassen Frauen, sie hassen Juden, sie hassen die Christen, und sie hassen alle
Moslems, die sich gegen sie richten. Andere töten im Namen rassischer Reinheit
oder eines Klassenkampfes“. Dass
die andere Seite dies ganz anders sieht, zeigen die Sätze von Osama bin Ladin bei einer Fernsehaufzeichnung,
die in Bezug auf den Israel-Konflikt wohl auch von einfachen Arabern schon
millionenfach gesagt wurden: "Im
Irak werden Millionen von unschuldigen Kindern durch das Embargo getötet, und
wir hören keine Verurteilung oder Fatwas von den Führern. Diese Tage suchen
israelische Panzer Palästina heim - in Jenin, Ramallah, Rafah, Beit Jahla und
anderen muslimischen Orten, aber wir hören keinen, der die Stimme erhebt. Doch
wenn das Schwert nach 80 Jahren
endlich in Amerika niedergeht, so trauern und klagen sie alle um diese Mörder,
die doch das Blut, die Ehre und die Heiligtümer der Muslime laufend
missbrauchen". Und in einem Manifest 1998: "Seit
mehr als sieben Jahren besetzen die USA Grund und Boden des Islam an den heiligen
Orten der Arabischen Halbinsel, plündern seinen Reichtum, befehligen seine
Herrscher, demütigen seine Bewohner, terrorisieren seine Nachbarn und machen
ihre Militärbasen auf der Halbinsel zu einer Speerspitze, mit der die umliegenden
muslimischen Völker bekämpft werden sollen". Mit
dieser Einschätzung über die als doppelzüngig empfundene langjährige
amerikanische Politik spricht der selbsternannte Rächer vielen Muslimen aus dem
Herzen. Ein
als tiefe Demütigung aller Muslime empfundenes Ereignis bringt Osama bin Ladin dazu, seine Fähigkeit
zum Aufbau einer internationalen Terrorgruppe einzusetzen: der Golfkrieg 1991
und die anschließende Militärpräsenz der USA im Land der "Heiligen
Moscheen", in Saudi-Arabien. Bin
Ladin’s erstes Ziel ist die
Beendigung der amerikanischen Truppenstationierung am Golf und in Saudi-Arabien.
Die Anwesenheit der Amerikaner und ihrer Verbündeten auf arabischen Boden in
unmittelbarer Nähe zu den heiligen islamischen Stätten wie Mekka und Medina ist
ihm ein Dorn im Auge. An zweiter Stelle kommt seine Solidarität mit dem
irakischen Volk, und das dritte Thema ist seine Unterstützung des islamischen
Kampfes gegen die Ungläubigen. Das war in Bosnien, im Kosovo und in Tschetschenien
so. Die Palästinenser kommen an vierter Stelle. Erst im Verlauf der derzeitigen
Aksa-Intifada schreib er auch die Befreiung Jerusalems und die Unterstützung
der Palästinenser auf seine Agenda. Aus Sicht der Amerikaner hat die Al Qaida am 11. September nicht nur an
die 3.000 Menschen umgebracht. Osama bin
Ladin und seine Anhänger haben nicht nur den USA den Krieg erklärt. Aus
Sicht der Amerikaner galt ihre Kriegserklärung vielmehr den ewig gültigen
Prinzipien von Gerechtigkeit und Freiheit, die Amerika verkörpert und auf die
sich die Größe Amerikas gründet. Die Al
Qaida hat nicht nur einige Gebäude in Amerika zerstört, sondern der
Glaubensgemeinschaft Amerika eine schwere Wunde zugefügt. Und deshalb muss
nicht nur sie verfolgt und vernichtet werden, auch dem Glaubensgesetz Amerikas
muss Genugtuung widerfahren. Amerika muss obsiegen, damit die Gerechtigkeit
triumphieren kann. „Tot oder lebendig“ will Präsident Bush den Staatsfeind Nr. 1 - Bin
Ladin - haben. Der 11. September war Auslöser für einen neuen
Krieg, der als Äquivalent eines weiteren Weltkrieges dargestellt worden ist.
Als sich die vielschichtige US-Militärkampagne entfaltete, wurde zunehmend
klar, dass sich die Bush-Regierung
nicht damit zufrieden geben wird, die Verantwortlichen für die Angriffe auf New
York und Washington zu bestrafen oder eine Wiederholung zu verhindern. Die
wirklichen US-Kriegsziele sind weit ehrgeiziger. Die Vereinigten Staaten wollen
den Terror auf der ganzen Welt ausrotten. Sie wollen den radikalen Islam und
die Staaten der „Achse des Bösen“ unfähig machen, die Weltordnung, ihre Weltordnung, zu bedrohen. Mehr noch: Die Bush-Regierung
nutzt den Krieg gegen den Terror als Gelegenheit, so etwas wie ein Referendum
zu veranstalten, das die globale US-Vormachtstellung bestätigen soll. Jeder
muss, das hat Präsident Bush betont,
den Treueeid ablegen: Nationen verbünden sich entweder mit den USA – oder sie
machen gemeinsame Sache mit den Terroristen und müssen damit rechnen, deren Los
zu teilen. Krieg ist die meistgebrauchte Analogie, mit der in der amerikanischen
Öffentlichkeit die Bedeutung der Terroranschläge klar gemacht wird. Und anders
als in Europa nehmen die Menschen den Kriegs-Begriff sehr ernst. Der
unsichtbare Feind hat Amerika herausgefordert und damit auch die Werte des
Landes angegriffen. Ende Januar 2002 sprach US-Präsident Bush in seiner Rede zur „Lage der Nation“ dann die Existenz einer „Achse des Bösen“ an, zu der neben
Nordkorea und dem Irak auch der Iran gezählt wird. Die präziseste Formel für Amerikas neue Weltordnung
lautet in Englisch: The US fights, the
UN feeds, the EU funds – „Die Vereinigten Staaten kämpfen, die Vereinten
Nationen füttern, die Europäer bezahlen“. Dabei werden die USA mit einem
Auge stets darauf schauen, einen lang währenden „Frieden“ zu sichern, was eine
geordnete Welt bedeutet, welche dem amerikanischen Unternehmergeist dienlich
ist, amerikanischen Werten wohlgesonnen und die Amerikas Status als einzige
Supermacht aufrechterhält. Das war das Ziel amerikanischer Politik vor dem 11.
September, und das bleibt das Ziel der Bush-Regierung
auch heute. Und diese Mission läuft unter dem Begriff „Kampf gegen den internationalen
Terrorismus“. Was ist zu tun für den Westen?
Hunderte Millionen Muslime leben in geographischer
Nähe zu Europa und zum kleinen Teil bereits in den Staaten der EU. Deshalb und
wegen des starken Zuwanderungsdrucks aus den übervölkerten Städten Asiens und
Afrikas hat Europa ein vitales Interesse an der Vermeidung eines globalen „clash of civilizations“ mit dem Islam;
die Massen islamischer Gläubiger machen heute schon rund ein Fünftel der
Menschheit aus, und ihr Anteil steigt. Deshalb muss die Europäische Union für
Dialog und Toleranz gegenüber dem Islam eintreten. Deshalb kann die EU keine
politischen Aktionen unterstützen, die von den islamischen Völkern als
Provokation empfunden werden. Die hierzulande grassierende Angst vor einem
vermeintlich gefährlichen Islam, der angeblich unsere Zivilisation bedroht, ist
das Spiegelbild der Ängste vieler Muslime vor den Schrecken der westlichen
Welt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Eiferer der einen Seite den
Eiferern der anderen in die Hände spielen. Nüchterne Information tut Not. Eine erste
Schlussfolgerung aus diesen Betrachtungen ist, dass es für die
Staatengemeinschaft der Zukunft unverzichtbar bleiben wird, auf der Anerkennung
der internationalen Regeln des Völkerrechts und der Beachtung der entsprechenden
Grundlagen der UN-Charta zu bestehen (und das muss auch für die USA als
Hypermacht gelten). Es handelt sich dabei um die Toleranzgebote der
internationalen Beziehungen. Voraussetzung für deren Glaubwürdigkeit auch in
der islamischen Staatenwelt ist, dass die Weltinstitutionen nicht für eine
westliche Interessenspolitik gegen die islamische Hemisphäre missbraucht
werden. Ohne Sensibilität für religiöse und kulturelle Identitätsprobleme wird
die traditionelle Machtpolitik aber weiterhin demütigen, verwundeten Stolz noch
mehr verletzen, kollektive Demütigungen verstärken und so das weltpolitische
Klima verschlechtern. Ein zweites
Resultat der Überlegungen besteht darin, dass wir zweifellos die inneren Verhältnisse
in islamischen Staaten nicht an unseren westlichen Wertvorstellungen messen
dürfen, geschweige denn sie zur Bedingung internationaler Zusammenarbeit machen
können. Selbstverständlich müssen wir darauf bestehen, dass internationale
Menschenrechtsvereinbarungen beachtet werden. Der westliche Menschenrechtsbegriff,
der aus der spezifischen geistigen und geschichtlichen Entwicklung Europas
heraus gewachsen ist, kann aber auf den islamischen Raum nicht einfach übertragen
werden. Die Legitimation islamischer Staaten, z.B. in ihrem Hoheitsgebiet gotteslästerndes
Schrifttum zu verbieten, kann eigentlich nicht bestritten werden – auch
westliche Demokratien setzen, wenn auch andere, Grenzen für die Verbreitung von
Schrifttum. Aber: Wo sind die Grenzen der Toleranz und wie tolerant darf man
gegenüber der Intoleranz sein? Ein drittes
Ergebnis einer zukunftsfähigen Politik muss sein, dass die Thematik „Dialog der
Kulturen/Dialog in den Kulturen“ in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit
rückt. Gibt es denn wirklich außer Angst und Ablehnung keine anderen Formen der
Begegnung mit dem Fremden? Hat diese Begegnung nicht vielleicht doch eine
Rückwirkung auf das eigene Selbstverständnis? Wenn man heute von einer sich als
christlich definierenden europäischen Kultur und einer ihr entgegengesetzten, orientalischen,
sich als islamisch definierenden Kultur ausgeht, wird offensichtlich, dass eine
ernsthafte und grundlegende Auseinandersetzung mit den Fundamenten des jeweils
anderen Kulturkreises, also auch mit der Religion, unvermeidlich ist.
Kulturpolitik ist die beste Krisenprävention, um mit der islamischen Welt in
einen fruchtbaren Dialog zu treten. Es geht dabei um eine
geistig-philosophische Auseinandersetzung mit dem Islam. Der Ausbau der Goethe-Institute und anderer Einrichtungen
wie z.B. die Humboldt-Stiftung im
Ausland oder das Stuttgarter „Institut für Auslandsbeziehungen“ sind äußerst
wichtig, aber auch der Dialog mit den Muslimen im Inneren Deutschlands muss
gesucht werden. Gerade für Europa ist ein vierter Aspekt wichtig: Eine Partnerschaft am Mittelmeer. Die Europäische
Union und die Mittelmeerländer haben eine euro-mediterrane Partnerschaft mit einem
interkulturellen Dialog und einer Freihandelszone bis zum Jahre 2010
beschlossen. Damit wird es nicht nur zu einem Strukturwandel kommen, sondern es
werden auch Strukturbrüche verursacht. Die Umstellung wird zu sozialen
Verwerfungen und Krisen führen, die zum Nährboden für Demagogen werden. Die
Freihandelszone ist ein ebenso interessantes wie sensibles Projekt, denn sein
Gelingen hängt davon ab, ob es Partner gibt, die sich darauf einlassen. Dieses
Projekt zielt darauf ab, dass der von Huntington
vorausgesagte „Kampf der Kulturen“
nicht zur self-fulfilling prophecy
wird. Diese Partnerschaft kann aber nur gelingen, wenn sich auch die Religionen
auf eigene Programme in diesem Prozess verständigen. Ein fünfter Arbeitsbereich
ist das Thema Wasser. Wasser wird zu einem friedensrelevanten Streitthema.[12]
In der aktuellen Situation im Nahen Osten bleibt wenig Raum für Vernunft, es
sei denn, es gäbe so etwas wie einen Präventivdialog. Juristen, Wasserexperten
und Politiker werden zu prüfen haben, ob die Verfügungsmacht über Flüsse nur
dem Land gehört, in dem die Quelle liegt, auf welche Modelle der
Konfliktlösungen die Anrainerstaaten sich einigen können und sollen und was
dagegen zu tun ist, dass 80 Prozent aller Krankheiten in den Ländern des Südens
auf die schlechte Wasser- und Hygienesituation zurückzuführen sind. Darüber
können die Religionen nicht entscheiden, doch sie sollten das Wasser zum Thema
eines interreligiösen Dialogs machen, weil aus Konflikten um Wasser oft auch soziale,
ethnische und Kulturkonflikte entstehen. Außerdem ist der verantwortungsvolle
Umgang mit Wasser ein Thema religiöser Erziehung und es geht natürlich auch die
Religionen etwa an, ob Wasserknappheit einen Migrationsdruck auslöst und ob die
Dürretoleranz von Pflanzen gentechnisch zu verbessern ist. Ein sechstes
Aufgabenfeld wird der Kampf um eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und ein
Umdenken in der Umweltpolitik sein. Die Chancen der Globalisierung müssen
fairer verteilt werden. Das ist dringend geboten, denn eine Globalisierung, die
sich selbst überlassen bleibt, macht aus freien Märkten wilde Märkte und
entwickelt Sachzwänge, die die Ökonomie zu einem alles beherrschenden Thema machen,
das spirituelle Nachdenklichkeit an den Rand drängt. Ökonomisches Denken wird
den Anspruch erheben, Sinnfragen mit höherer Produktivität zu beantworten. Die
Religionen haben auf die moralische Dimension der Verschuldung hinzuweisen –
bei den Gläubigern und bei den Schuldnern. Sie haben aber auch bewusst zu
machen, dass die ungelöste internationale Schuldenkrise allen schadet, denn
nicht nur die Schuldner, sondern auch die Gläubiger sitzen in der
Schuldenfalle, solange es ihnen nicht gelingt, die Weltwirtschaft schuldenpolitisch
zu entstören. Sie verzichten auf potentielle Zukunftsmärkte, bestrafen sich
also selbst. Die Erhöhung der Entwicklungshilfe auf die seit
Jahren versprochenen 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes muss immer wieder
thematisiert werden, denn der Schlüssel für eine nachhaltige Eindämmung von
Konflikten liegt in der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der
Krisenregionen. Dazu gehört auch, die Märkte der Industrieländer für die
Produkte der Schwellenländer (vor allem landwirtschaftliche Produkte und
Textilien) zu öffnen, Zollschranken abzubauen. Die Industrieländer sind
vielfach zu selbstsüchtig. Ein siebenter
Komplex wird der Bereich von Kriegen und Konflikten der Zukunft sein. Die
geostrategische Lagebeurteilung des „National
Intelligence Council“ der USA mit dem Titel „Global Trends 2015“ entwirft ein Bedrohungsbild, das sich mit
„Privatisierung der Gewalt“ umschreiben lässt. Internationale Syndikate
organisierter Kriminalität könnten Staaten mit ABC-Waffen erpressen. Sie werden
von Terror-Regimen finanziell und logistisch unterstützt, leben ideologisch von
einer aggressiven Mischung aus ethnischen, nationalen und religiösem
Fundamentalismus, finden Nährboden in der Armutsszene, zielen mit Raketen
kurzer Reichweiten auf Menschenverluste und werden von Staaten
instrumentalisiert, die sich selbst keinen offenen Krieg mehr leisten, aber dennoch
über Handlanger Teilzeile mit Gewalt erreichen, zumindest aber die Weltordnung,
die nicht ihre Ordnung ist, destabilisieren wollen. Ein achter
Gesichtspunkt betrifft die sicherheitspolitische Betrachtungsweise. Bei allen Atommächten
findet man keine große Bereitschaft den Weg zur atomaren Abrüstung zu gehen.
Ganz im Gegenteil werden offensichtlich – wie am amerikanischen Beispiel aufgezeigt
– Überlegungen angestellt, atomare Waffen in Zukunft nicht mehr als
Abschreckungswaffen sondern als militärisch einsetzbare Kriegsführungswaffen zu
betrachten. Es ist unschwer vorauszusehen, dass dies in Zukunft auch die
islamischen Staaten - gerade im Nahen Osten - verstärkt dazu veranlassen
dürfte, schon aus Identitätsgründen und weil Israel ebenfalls über Atomwaffen
verfügt, ein eigenes atomares Abschreckungspotential aufzubauen. Ein neunter
Themenkomplex muss sich der Frage widmen, wie die Koexistenz westlicher und
islamischer Werte innerhalb eines Staates möglich sein könnte. Die
Wahrscheinlichkeit einer „multikulturellen“ Gesellschaft bei gleichzeitiger
jeweils konsequenter Inanspruchnahme westlicher und islamischer politischer
Wertvorstellungen ist eher zu bezweifeln. Wenn es unterschiedliche
Vorstellungen über das Verhältnis von Politik und Religion gibt und diese fundamentalen
Charakter haben, ist eine Staatsintegration nur schwer vorstellbar. Als eine
Gefahr bei derartigen Konstellationen zeichnet sich das Nebeneinander zweier
Systeme in einem Staat ab, was in letzter Konsequenz möglicherweise Bürgerkrieg,
Unterdrückung und Vertreibung (Beispiel Balkan) bedeuten könnte. Im Zentrum des
Problems steht dabei die grundsätzliche Spannung zwischen unseren westlichen
Grundrechtsprinzipien überhaupt und anderen Politikkonzeptionen. Beim
Zusammenleben in einer gemeinsamen Gesellschaft kommt es tatsächlich zum
Schwur. Wie gehen wir um mit den und dem Fremden in unserer Gesellschaft? Fazit Es gibt stichhaltige Argumente dafür, die
Gegenüberstellung von Begriffen wie „Islam“ und „Westen“ grundsätzlich abzulehnen.
Wie, so stellt sich die Frage, kann man eine Religion - den Islam - und eine
geokulturelle Formation - den Westen - vergleichen? Wäre es nicht sinnvoller,
sich mit den christlich-islamischen Beziehungen, mit den Beziehungen zwischen
dem Westen und dem Nahen Osten oder zwischen Europa, USA und islamischen
Ländern zu beschäftigen? In den letzten Jahrzehnten sind überall auf der Welt verstärkt Initiativen des
interreligiösen Dialogs und der Zusammenarbeit der Religionen entstanden. In
fünf zentralen Lebensbereichen sind wir aufgefordert, unsere Verantwortung
wahrzunehmen ·
für eine
Kultur des wechselseitigen Respekts; ·
für eine
Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben; ·
für eine
Kultur der Solidarität und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung; ·
für eine
Kultur der Toleranz und ein Leben der Wahrhaftigkeit; ·
für eine
Kultur der Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau. Gerade im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir
ein globales Ethos, nicht als zusätzliche Last, sondern als Grundlage und Hilfe
für die Menschen beim Aufbau einer Zivilgesellschaft. Diejenigen
Leser, die sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen wollen, verweisen wir
auf das Buch von Dr. Peter Barth „Im Zeichen des Terrors. Erleben wir einen
Kampf der Kulturen?“ 2002, Verlag Studiengesellschaft für Friedensforschung,
Mchn., ISBN 3-9806333-5-7, das bei der Studiengesellschaft oder im Buchhandel
zum Preis von 22.80 Euro erhältlich ist. [1] vgl. Samuel P. Huntington, Kampf
der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.Jahrhundert, München-Wien
1996 [2] vgl. Gudrun Krämer, Gottes Staat
als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten
und Demokratie, Baden-Baden 1999, S. 25 [3] Zu den Unterzeichnern dieser
Erklärung der Führer von 46 islamistischen Gruppen gehörten unter anderem die
Chefs der Muslimbrüder Ägyptens, Syriens und Jordaniens, der Führer der
algerischen Hamas, der Führer der tunesischen Nahda, sowie der Gründer und
Führer des Politbüros der palästinensischen Hamas. [4] Vgl. Arundhati Roy, Wut ist der
Schlüssel. Ein Kontinent brennt – Warum der Terrorismus nur ein Symptom ist,
in: FAZ vom 28.9.2001 [5] Bildersturm; Abschaffung und
Zerstörung von Heiligenbildern [6] vgl. Dieter Senghaas,
Zivilisierung wider Willen, Frankfurt am Main 1998, S. 140 [7] vgl. Peter Barth, Globalisierung –
Chancen und Risiken, München 1999 [8]
Huntington, a.a.O., S. 416 [9] vgl. Harald Müller, Das Zusammenleben
der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington, Frankfurt/Main 1998, S. 15 [10] vgl. Peter Barth, Der Kaspische
Raum zwischen Machtpolitik und Ölinteressen, München 1998 [11] vgl. Hans Küng, Projekt Weltethos,
München 1990; Deutsche Bischofskonferenz: Christen und Muslime in Deutschland.
Pastorale Handreichungen, Arbeitshilfe 106, Bonn, 4. März 1993; Handreichungen
der EKD „Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland. Gestaltung der
christlichen Begegnung mit Muslimen“, September 2000 [12] vgl. Peter Barth, Krieg um Wasser?
Wasserkonflikte im Nahen und Mittleren Osten, Starnberg 1994
Bezug der "Denkanstöße": |